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Persönliches

Die wesentlichen Abschnitte in meiner Biografie

So schlimm kann das Leben gar nicht sein, dass man irgendwann aufgibt. Der Mensch schafft mehr, als er sich im Allgemeinen zutraut – egal in welchem Alter. Aufgeben ist nicht. Bis zu meinem 10. Lebensjahr war das Leben so wie man es sich als netter dicker Junge vorstellt. Verwöhnt werden nach allen Regeln der Kunst, alleine mit meinem Dad und meiner Granny – wem gefällt das in diesem Alter nicht?

Inzwischen hatte meine „Mutter“ den Kampf ums Sorgerecht weitergeführt. Ich kannte sie nicht und sie kannte mich seit dem ersten Lebensjahr nicht mehr. Und das hatte ich nie bedauert. Mein Dad hatte sich sehr schnell getrennt. Die ständigen Angriffe und Kämpfe waren wohl mehr, als ein Mensch aushalten kann. Eines Tages – es war am 1. Tag der Sommerferien – stand sie plötzlich vor der Tür und meinte: „Du kommst jetzt mit“. Nachts hatte meine Granny schon meine Koffer gepackt und mir kein Wort gesagt. Das war wohl auch gut so, denn man hätte mich nicht mehr gefunden, bis dieses unbekannte Weib wieder abgehauen wäre. Es sollte ja angeblich nur für die Ferien sein. Unter Tränen wurde ich also in Richtung Deutschland gekarrt und an der Grenze bekam ich nur zu hören: „Du bleibst ab jetzt hier und ich kassiere für dich Halbwaisenrente und Kindergeld…Denke nicht, dass du deine Granny wiedersiehst…Nimm einfach an, sie wäre tot.

Das waren ja „traumhafte Aussichten“. Was sollte ich denn als damals Zehnjähriger anstellen? Während der ganzen Fahrt habe ich versucht, auszurechnen, welchen Gewinn sie durch mich machen würde. Ich hielt es bereits zu diesem Zeitpunkt für unvorstellbar, dass mein Aufenthalt bei diesem Weib ein Gewinn für mich sein würde und dass ich nicht viel zu erwarten hätte.
Ich sollte damit auch Recht behalten. Nun, es gibt mehrere Möglichkeiten, sich das Leben zur Hölle zu machen. In meinem Fall waren es allerdings die Behörden, die für Jeden völlig unverständlicherweise entschieden haben, dass ich von nun an bei einer für mich gänzlich Unbekannten zu leben hatte. Mein Bruder lebte allerdings immer schon bei ihr.

Der einzige Lichtblick war mein Stiefvater, der mich wo er konnte, unterstützte. Das bedeutete aber auch gleichzeitig den nächsten Ehekrieg für ihn. In der neuen Schule langweilte ich mich zu Tode, denn die Anforderungen waren weit unter meinem damaligen bisherigem Niveau einer katholischen Eliteschule. Trotzdem waren meine „Leistungen“ nicht so beeindruckend, wie in meinen vorherigen Schulen.

Ich hatte meine erste Schwärmerei nicht geplant und ich kann bis heute nur schwer mit Situationen umgehen, die ich nicht geplant habe. Jedenfalls hatte ich die absurde Vorstellung, dadurch endlich von meiner „Mutter“ wegzukommen. Ich wollte meinen Schwarm, wie es die kindliche Fantasie vorgibt, ja unbedingt so schnell wie möglich heiraten und damit meinen Traum wahrmachen. Ich dachte da so an eine Woche. Einfach durchbrennen und in Vegas heiraten. Wie man sich das eben mal vorstellt.

Ich wollte jedenfalls so schnell wie  möglich wieder weg von dieser Frau. Also habe ich begonnen, Nachforschungen anzustellen.
Zunächst erschien es mir doch schon sehr merkwürdig, in einem großen Haus zu leben, zwei Autos zu haben, immer Geld in der Tasche, obwohl man nicht bzw. nur teilweise arbeitet und von Sozialhilfe lebt. Selbst wenn man das damalige Kindergeld, die Halbwaisenrente und sonstige Vergünstigungen zusammenrechnet, konnte man sich so einen Lebensstil nicht leisten. Dass ich selbst auch mit 11 Jahren etwas tun musste, um wenigstens mal etwas zum Essen zu haben, ist eine ganz andere Sache.

Ich habe also alles notiert, jede Kleinigkeit – jedes Stück Papier konnte wichtig sein. Wenn ich mal alleine im Haus war, habe ich erst einmal sämtliche Schränke durchwühlt, jede Schublade aufgemacht und sogar Keller und Dachboden durchkämmt. Monatelang jeden Tag das gleiche Spiel – immer die Uhr im Auge behaltend. Alles musste nach einem genauen Zeitplan vor sich gehen.
Doch Geduld macht sich irgendwann bezahlt und eines Tages wurde ich fündig. Etwas, das mir alle Türen öffnen sollte.

Es war gerade mal der erste Schultag nach einem langen Wochenende. Religion in der ersten Stunde. Wie schön, fiel für mich aus. Brüderchen war um 7 Uhr schon aus dem Haus und diese „Mutter“ war erst um 5 Uhr nach Hause gekommen. Sie würde also bis mindestens Mittags um 12 im scheintoten Zustand verweilen. Nichts hätte sie aufwecken können…
Ich ging also ins Wohnzimmer um mir den „verbotenen Schrank“ vorzunehmen. Verboten, weil angeblich alle Papiere drin waren und Kinder nicht einmal das Recht hätten, diese zu sehen. Ich öffnete einen Riesen-Umschlag, bei dem ich schon achtgeben musste, dass er mich nicht aus der Hand fallen würde. Hatte das Gewicht wohl unterschätzt.
Zuerst fiel mir ein Schreiben in die Hand, welches als Absender „Roxi-Filmproduktion“ trug. Dieses Weib hatte wohl die Vorstellung, Schauspielerin zu werden. Sie redete auch immer wieder etwas von Castings und Sessions. Hat mich nicht sonderlich interessiert. Erst später habe ich erfahren, dass Roxi eine Pornofilmproduktionsfirma ist. Die Bestätigung hatte ich aber gleich, denn hunderte von Pornofotos, die dieses Weib in allen möglichen Positionen und mit allen möglichen Typen zeigte, fielen gleich einmal auf den Boden.

Wenn ich so zurückdenke, waren diese Bilder sogar qualitativ recht minderwertig.
Ich überlegt kurz und steckte ein paar Bilder ein. Es hat auch richtig Spaß gemacht mir vorzustellen, wie ich meinen Stiefvater damit konfrontieren würde, denn er hatte bestimmt keine Ahnung davon. Und ich hatte Recht. Er wusste gar nichts und hat sich nur kurz bedankt.- Regungslos und schon fast unheimlich. Doch die Reaktion konnte man recht lautstark am folgenden Abend hören. Einen Tag später konnte ich mir anhören, was ich denn für eine Bestie sei und sich mein Dad besser rechtzeitig seinen „Säuferschwanz“ abgehackt hätte, als so etwas wie mich zu produzieren. Aber sie konnte mich nicht mehr treffen, denn ich wusste, ich hatte gewonnen. Vorerst!

Mir wurde schon gedroht, wenn ich mit Anderen sprach. Und es waren nicht einmal Prügel, die mir angedroht wurden. Ich war wohl ein ziemlich fettes Kind und ich erinnere mich, dass ich mit 10 Jahren etwa 70 Kg gewogen habe. Nicht nur durch die Masse hatte ich auch jede Menge Kraft. – überschüssige Kraft. Und ich begann mich zu wehren. Für jede Ungerechtigkeit, die ich erfahren musste, gab es Schläge zurück. Und als dieses Weib merkte, dass sie nicht mehr mit mir spielen konnte wie sie wollte, dachte sie wohl, dass sie ihre Situation nicht mehr ertragen wollte und meinte, dass sie mich „verkaufen“ müsste. Einmal noch kräftig abkassieren… Irgendwann stand so ein schleimiger Typ in der Bude, der mich genau musterte und irgendetwas von „zu viel“ faselte, als meine „Mutter“ den Betrag von 60.000 DM erwähnte.

Moment mal…Stopp: Ich war nicht mal 60.000 DM wert? Dachte er wirklich, ich würde ihm für WENIGER die Stiefel lecken? Na ja, ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde, aber es konnte nicht schlimmer sein, als das, was ich bis dahin hatte.
Aus irgendeinem Grund konnten sie sich aber nicht einigen. OK, ICH hätte für mich auch nicht weniger verlangt. Aber soviel wollte dieser Typ eben nicht ausgeben. Vielleicht ganz gut so, denn ich wäre wahrscheinlich schon auf dem Weg zu seiner Karre auf seiner Schleimspur ausgerutscht und hätte mir vielleicht auch noch den Hals gebrochen. Kurzum. aus dem Geschäft wurde nichts und so hatte mich die Nutte noch ein bisschen länger am Hals. Und es sollte kein Honiglecken für sie werden. Ich hatte dieses ganze „Verhandlungsgespräch“ mit meinem alten Kassettenrekorder aufgenommen – schon um einen Beweis für ihre Untauglichkeit, Kinder zu erziehen, zu haben.

Noch in derselben Woche habe ich mich auf den Weg zum Jugendamt gemacht. Ich musste dafür zwar einen ganzen Schultag opfern, aber es musste etwas geschehen:
Ich bin also einen recht weiten Weg zu Fuß durch die halbe Stadt gelaufen, nachdem ich ein paar Telefonbücher gewälzt habe, um die richtige Behördenadresse zu finden. Buskarten gab es ja nicht. Die wären zu teuer gewesen um sie für mich zu „verschwenden“.
Mit den geklauten Fotos und der Tonbandaufzeichnung bewaffnet bin ich also ins Amt spaziert. Man wird wohl nie so ganz ernst genommen, wenn man plötzlich auftaucht und erklärt, dass man seine „Mutter“ anzeigen will, weil sie ein billiges Irgendwas ist.
Obwohl man mir anfangs gar nicht so richtig zuhören wollte und mehr oder weniger gelangweilt in der Gegend herum starrte, wurden die „Mädels“ doch hellhörig, als ich plötzlich die Fotos auf den Tisch knallte und fragte, ob sie diesem Weib Gesellschaft leisten wollen…Ich war stinksauer, dass man mich nicht ernst nehmen wollte. Danach legte ich die Kassette auf den Tisch. Sozusagen als akustische „Gute Nacht Lektüre“. Auf die Frage, was das denn wäre, meinte ich nur lapidar: „Ein geplatztes Geschäft“.

Was kam ich mir doch wichtig vor. Endlich mal ernst genommen werden. Endlich mal jemand, der mir zuhörte. Aber immer die Angst im Hintergrund, was wohl passieren würde, wenn ich noch einmal diesem Weib, das sich meine „Mutter“ nannte gegenüberstehen müsste.
Doch genau diese Meinung vertrat der zuständige Journalrichter. Man „könne doch einer Mutter nicht so einfach ihre Rechte wegnehmen“

Scheinbar hatte das Jugendamt diese meine „Mutter“ doch nicht sofort „überfallen“, wie ursprünglich befürchtet habe. Als ich „nach Hause“ kam, war sie gerade ausgeflogen und ich hatte Zeit, ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber irgendwo hatte sie eine Knarre versteckt. Irgend so ein altes Ding – ich glaube, es war eine unbekannte Marke. Jedenfalls habe ich sie „umdeponiert“, sodass nur ich wusste, wo sie sich befinden würde, wenn dieses Weib nach Hause kommt und ich hatte mir vorgenommen, sie auch zu benutzen, wenn es notwendig werden sollte.

Das wurde es aber zum Glück nicht! Als meine „Mutter“ dann auftauchte, sagte sie kein Wort – so wie immer, ging in die Küche um sich Kaffee zu kochen – so wie immer, und ich musste „antanzen“ um die Schulsachen kontrollieren zu lassen – so wie immer.
Naja, kontrolliert hat sie ja nicht wirklich und es hat sie auch einen Scheißdreck interessiert. Aber es hat sie wohl irgendwie befriedigt, wenn sie irgendetwas kontrollieren durfte. Sie fand ja auch nichts, was sie hätte stören können, denn da ich ja an diesem Tag gar nicht in der Schule war, hatte sich ja auch nichts verändert. Und so vergingen einige Wochen, in denen ich schon beinahe vergessen hatte, welches „Verbrechen“ ich begangen hatte, indem ich es gewagt habe, mich mit den Behörden in Verbindung zu setzen, als plötzlich das Telefon klingelte.

Leichenblass kam sie aus dem Wohnzimmer und fragte – so wie immer – ganz unschuldig, warum sie wohl am Jugendamt zu erscheinen hätte, denn es würde ja um mich gehen… Ich meinte nur, dass ich keine Ahnung hätte und dass sie wohl irgendetwas angestellt haben müsse. Das war vielleicht nicht nett, aber ich sah es auch nicht als meine Aufgabe an, „nett zu sein“. Sie wollte gerade mit dem Küchenmesser nach mir werfen, was ja auch nicht das erste Mal gewesen wäre, als sie feststellen musste, dass ich nicht nur stärker war als sie, sondern auch schneller. Kurz gesagt: Ihre hässlich geschminkten Lippen machten Bekanntschaft mit meiner Rechten. „DU nicht mehr, alte Sau“ schrie ich sie an und sie rannte zu meinem Stiefvater, der gerade nach Hause gekommen war um ihn mit den Worten:“Tu´ endlich was !!“ dazu zu animieren, sich mich vorzunehmen.
Es muss wohl eine große Enttäuschung für sie gewesen sein, dass er nur sagte:“Warum denn ? Er hat doch Recht…“, denn man hatte sie den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Man konnte sie nur fluchen hören und solche Dinge wie “ Erziehungsheim“ und „endlich abhauen“…
Man muss sie wohl am Jugendamt so richtig unter Druck gesetzt haben, denn als sie von ihrem Besuch nach Hause kam, meinte sie nur, dass sie wegen so einem „Hurensohn“ nicht in den Knast wandern würde und mich deshalb freigäbe… Ich musste schon lauthals lachen, als sie das Wort „Hurensohn“ aussprach. Wie treffend diese Bezeichnung doch war ! Großzügigerweise erlaubte sie mir sogar, das „Allerheiligste“ – ihr Telefon zu benutzen, damit ich meine Granny anrufen konnte um einen Termin für die „Abholung“ zu vereinbaren. ich wunderte mich nur, dass meine Granny fragte:“Na, hat es geklappt?“… Was ich nicht wusste war, dass auch sie zwischenzeitlich alles Mögliche unternommen hat, damit ich wieder zu ihr zurück konnte.

Auch bei meiner Granny hatte sich so Einiges verändert. Ein Schlaganfall und beginnende Alzheimer änderte auch meinen Alltag. Es ist schwierig, sich mit jemandem zu verständigen, der handelt, wie es ein Kind normalerweise nicht versteht. Ich habe immer versucht, Situationen zu vermeiden, in denen ihr Gesundheitszustand bekannt werden könnte. Immerhin hatte sie für mich die Verantwortung – jedenfalls offiziell.Die Realität sah anders aus. Es mag ja lustig klingen, wenn jemand nicht mitbekommt, dass er statt Geld ein Küchenmesser zum Einkaufen mitnimmt oder versucht, Nudeln ohne Wasser zu kochen. Aber was soll man machen, wenn Keiner wissen soll, wie der Alltag aussieht und vor solch einer Situation steht ?Und es durfte niemand wissen. Und Schule gab es schließlich auch noch irgendwo zwischendurch. Die Alternativen wären für mich nicht akzeptabel gewesen. Heim oder zurück zu dieser „Mutter“ waren die Möglichkeiten, die mir dann letztendlich von den Behörden angeboten wurden. Anders ausgedrückt: Pest oder Cholera. Für diese Entscheidung wurden mir 2 Wochen Zeit gegeben. Wie „großzügig“.

Heim war für mich immer ein Synonym für Knast. Also habe ich mich dafür entschieden, zu diesem Weib zurückzugehen. Diesmal wusste ich ja, was mich erwartete und ich war vorbereitet. Alles was bis dahin bei ihr passiert ist, war völlig unbedeutend für die Behörden. So, als wäre niemals etwas passiert. Jedenfalls hatte ich so wenigstens noch die Möglichkeit, „in Freiheit“zu handeln und wenn ich Glück hätte, wäre es ja nur ein zeitlich begrenzter Aufenthalt. Davon abgesehen, rechnete ich fest damit, dass das Jugendamt zumindest ein Auge darauf werfen würde.

Mir war lange nicht bewusst, welche „Rolle“ ich einnehmen würde. Unverständlicherweise blieben meine Geschwister bei ihr und so sah die „Alte“ wieder die Familie vereint. Für ihr „Heile Welt Spiel“ ideal. Inzwischen war sie umgezogen und im Wohnzimmer prangte ein großflächiges „Diplom“ für Kindererziehung, das sie bei einer Umfrage einer Zeitschrift gewonnen hatte.Mir war klar, dass diese Frau mich inzwischen hasste. Was ich ihr wohl alles angetan hatte… Aber ich hatte etwas in der Hand. Ich hätte kein Problem damit gehabt, ihre „Nebentätigkeit“ jederzeit dem Sozialamt zu melden und Geld war der einzige Punkt, in dem man sie treffen konnte. Es war wie ein stillschweigendes Abkommen, das solange dauern sollte, bis die Schulzeit vorbei war.

Eine Ausbildung zu finden war damals auch nicht gerade leicht. Besonders wenn man in diesem Alter darauf achten muss, dass man gleichzeitig versorgt ist. Was war also naheliegender, als erst einmal eine Ausbildung als Koch zu beginnen ? Am Besten mit integrierter Unterkunft. Also kurbelte ich meine Kontakte an, die ich in Österreich in der Klinik geknüpft hatte und eine Krankenschwester, die einen Gastronomen näher kannte, vermittelte mir eine Stelle in Innsbruck in einem der besten Häuser. Also nutzte ich die Ferien, um mich persönlich vorzustellen um dann im September die Ausbildung zu beginnen. Für´s Erste war ich zufrieden. Ich hatte Ausbildung, Geld, Unterkunft und Gratis-Essen. Jetzt musste nur noch das Jugendamt zustimmen. Ich denke, die waren froh, dass sie mich als „Fall“ los waren, denn diese Zustimmung hatte ich innerhalb von wenigen Tagen. Bis in alle Ewigkeit als Koch arbeiten wollte ich nicht, aber für die nächsten paar Jahre sollte alles erst einmal laufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem…

Und es waren wieder einmal die Behörden, die völlig unverständliche Entscheidungen getroffen haben. Im 3. Ausbildungsjahr waren sie plötzlich der Meinung, dass es nicht angebracht wäre, wenn ein Diabetiker einen Beruf wie Koch erlernt. Das Gesundheitsrisiko wäre zu hoch. Es war nicht so, dass ich die Ausbildung beenden durfte – nein, ich sollte sofort aufhören. Noch heute bin ich der Ansicht, dass die „Alte“ etwas damit zu tun hatte. Rechte hatte sie keine mehr, aber als geübte Intrigantin wusste sie genau, wie man Andere für sich einspannt. Und so blieben nicht viele Möglichkeiten.

Ich ging nach Wien zu meiner Granny. Ihr Gesundheitszustand hatte sich allerdings soweit verschlechtert, dass es nicht mehr zu verantworten gewesen wäre, sie in ihrer Wohnung zu belassen.Es musste ein Pflegeheim her, in dem sie 24 Stunden unter der Aufsicht war, die ich nicht bieten konnte. Schließlich musste ich mich beruflich neu orientieren und gleichzeitig arbeiten, um zu überleben. Aus einer einst lebenslustigen Frau wurde eine verbitterte, schweigsame lebende Tote. Sie gab mir die Schuld dafür, dass sie in diesem Pflegeheim wäre und dass ich sie nur abschieben wollte. Dass sie bis dahin wie wichtigste Frau in meinem Leben war, spielte in ihren Gedankengängen keine Rolle mehr.Aber ich war gut – zu gut. Eines Tages bei einem Besuch bat sie mich, sie doch aus dem Heim zu nehmen, weil sie doch schon alt wäre und in ihrer Wohnung sterben wollte. Ab einem bestimmten Zeitpunkt weiß man, dass es zu Ende geht und ich konnte nicht anders, als ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Für mich würde es eine Situation ergeben, die kaum zu bewältigen wäre, denn nach meiner beruflichen Veränderung als privater Ermittler war ich kaum zu Hause und vor Allem europaweit unterwegs. Erst nur kleinere Dinge, aber schon bald auch größere Aufträge.

Meine Granny erschien mir sehr dankbar dafür und ich hatte den Eindruck, dass es ihr von Tag zu Tag besser gehen würde, doch eines Tages kam ich morgens nach einer langen Observation zu ihr und wunderte mich, dass sie als Frühaufsteherin noch im Bett war. Ich wollte gerade die Tür schließen, als mein Blick auf das Nachtkästchen fiel und mir schlagartig klar wurde, dass etwas nicht stimmte.Dann merkte ich, dass sie die Bettdecke verkrampft festhielt und mir war klar: Meine Granny war tot. Die Tablettensammlung auf dem Nachtkästchen ließ auch nur einen Schluss zu: Sie hatte sich irgendwann in den Nachtstunden umgebracht.

Es war üblich, dass Selbstmörder nicht einmal eine vernünftige Beerdigung bekommen würden. Also räumte ich die Tablettenschachteln weg und war in der irrigen Annahme, dass der angerufene Arzt einen natürlichen Tod diagnostizieren würde. Aber das war nicht ganz so einfach. Dass eine Autopsie durchgeführt wurde, habe ich auch erst später erfahren. Dabei wurde festgestellt, dass sie mehrere Gehirntumore hatte. Und doch war sie offenbar klar genug, dass sie wohl wusste, was sie tat, denn ihre Devise war immer „niemandem zur Last fallen“ Ich konnte nicht ahnen, dass sie mit der Aussage „zu Hause sterben zu wollen“ DAS meinte.

Auf der Beerdigung war ich der einzige Trauergast und der Pfarrer schien das nicht mitbekommen zu haben, denn als er seine Rede hielt und sagte, dass sie ja so viele Freunde hatte, fand ich das etwas unpassend. Viel später erfuhr ich, dass diese ganzen Freunde erst später ans Grab gingen und bei der Beerdigung nicht anwesend sein wollten, weil sie mir die Schuld an ihrem Tod gaben. Ich hätte mich eben mehr kümmern müssen. Meine Geschwister wurden ausdrücklich enterbt und bis vor wenigen Jahren hatte ich auch keinen Kontakt zu ihnen. Aufgrund verschiedener Umstände ist mir heute klar, was sie damit meinte, als sie immer wieder betonte, dass ich sehr genau darauf achten sollte, ob meine Geschwister auch tatsächlich meine Geschwister sind.Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die Einzige, die sich umgehend meldete, war die „Alte“ Natürlich nur, um sich schriftlich zu erkundigen, wann denn die Testamentseröffnung wäre und ob etwas zu holen wäre. Woher sie überhaupt vom Tod meiner Granny erfahren hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich hatte ihr nur zurückgeschrieben „Mach das was Du am Besten kannst: F… Dich“ und wie es immer schon ihrem Naturell entsprach, wollte sie das Testament meiner Granny für ungültig erklären lassen, um in Vertretung meiner „Geschwister“ noch etwas abzusahnen. Ein kläglicher Versuch übrigens, denn rechtlich war alles wasserdicht.

Von dieser Frau weiß ich heute kaum noch etwas. Nur, dass sie alt und gebrechlich sein soll und keines ihrer Kinder mit ihr etwas zu tun haben will. Trotzdem sie 4 oder 5 Ehen hinter sich hat, ist es eine Genugtuung, dass die einsam einen langsamen Tod sterben wird. Viele Jahre lang hätte ich keine Sekunde gezögert, sie zu erschießen, wenn sie mir plötzlich gegenüber gestanden hätte. DAS wäre meine Gerechtigkeit gewesen – für mich und für alle Anderen, denen sie das Leben zur Hölle gemacht hatte. Aber inzwischen ist die Befriedigung größer zu wissen, dass sie hoffentlich noch einen langen Leidensweg vor sich hat. Mir kann sie nicht mehr schaden, aber wenn sie irgendwann einmal um „Verzeihung“bitten sollte, was ohnehin unwahrscheinlich ist, dann sollte sie sich vergewissern, dass ich GOTT bin, denn der mag verzeihen, ICH nicht!

Nachtrag: Natürlich würde diese Geschichte weitergehen, aber sie würde zuviele Szenen und Personen beinhalten, die versuchen würden, auf zweifelhafte Art daraus Profit zu schlagen und mir denen ich nichts mehr zu tun haben will.

© Peter Leopold

JETZT:

Ich lebe nun seit 2017 wieder in Österreich, nachdem ich vorher 20 Jahre auf Gran Canaria gelebt habe. Die Jahre in Spanien waren vielleicht die Besten meines Lebens – schon weil ich dort übers Netz meine Frau kennengelernt habe. Inzwischen sind wir fast 10 jahre zusammen und davon fast 9 Jahre verheiratet. Ein Jahr nach der Hochzeit habe ich ihre Tochter Adoptiert und inzwischen sind wir Großeltern. Am Ende wendet sich doch alles zum Guten – auch, wenn die verbleibende Zeit bei uns Beiden begrenzt ist. Aber schon alleine deshalb lohnt es sich, niemals aufzugeben.

 

 

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Aufgeben kann man einen Brief, aber niemals sich selbst. Das ist keine Option.